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Soziale Kürzungen stoppen – Teilhabe erhalten

Die Ver­öf­fent­li­chung des inter­nen Arbeits­pa­piers von Bund, Län­dern und kom­mu­na­len Spit­zen­ver­bän­den durch den Pari­tä­ti­schen ver­deut­licht ein­mal mehr die hohe Bri­sanz des fort­schrei­ten­den Abbaus eines hart erkämpf­ten und in wei­ten Tei­len der Gesell­schaft geschätz­ten Sozi­al­staa­tes. Die geplan­ten und bereits umge­setz­ten Kür­zun­gen grei­fen tief in sozia­le Siche­rungs­sys­te­me ein.

Bereits im ver­gan­ge­nen Jahr kam es im Bun­des­haus­halt zu gra­vie­ren­den Ein­schnit­ten im sozia­len Bereich. Beson­ders betrof­fen waren die Berei­che Migra­ti­on und Teil­ha­be sowie Maß­nah­men der Job­cen­ter, deren Ein­glie­de­rungs­ti­tel stark gekürzt wur­den. Die­se Ein­spa­run­gen haben kon­kre­te Fol­gen: Sprach- und Inte­gra­ti­ons­kur­se wer­den abge­baut, psy­cho­so­zia­le Unter­stüt­zungs­an­ge­bo­te für teil­wei­se schwer trau­ma­ti­sier­te Men­schen ein­ge­schränkt und lan­ge War­te­zei­ten auf drin­gend benö­tig­te Hil­fen ver­län­gert. Dies ver­zö­gert nicht nur Inte­gra­ti­ons­pro­zes­se, son­dern schränkt Bil­dungs­zu­gän­ge mas­siv ein, hebelt die Frei­heit der Berufs­wahl aus und führt durch Zwangs­ver­mitt­lun­gen zu einer Ein­schrän­kung indi­vi­du­el­ler Entwicklungsmöglichkeiten.

Vor die­sem Hin­ter­grund stellt sich die Fra­ge, inwie­fern die­se Ent­schei­dun­gen mit dem in Art. 2 GG ver­an­ker­ten Recht auf freie Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit sowie dem grund­le­gen­den Men­schen­recht auf Bil­dung ver­ein­bar sind. Bil­dung wird zuneh­mend als Kos­ten­fak­tor behan­delt – statt als gesell­schaft­li­che Investition.

Die aktu­ell dis­ku­tier­ten Ein­spar­vor­schlä­ge von der­zeit rund acht Mil­li­ar­den Euro in der Kinder‑, Jugend- und Ein­glie­de­rungs­hil­fe unter­strei­chen die­sen Kurs. Poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen ori­en­tie­ren sich pri­mär an kurz­fris­ti­gen Zah­len und Ein­spar­lo­gi­ken– und nicht an den Lebens­rea­li­tä­ten der Men­schen, die unmit­tel­bar von den Geset­zes­än­de­run­gen betrof­fen sind. Die poli­ti­sche Debat­te kreist dabei immer wie­der um das Schlag­wort der „Ein­glie­de­rung in den Arbeits­markt“. Gleich­zei­tig bleibt unbe­ant­wor­tet, wie eine gelin­gen­de Inte­gra­ti­on erfol­gen soll, wenn Schul­be­glei­tun­gen gestri­chen, Betreu­ungs­an­ge­bo­te redu­ziert und Sprach­kur­se wei­ter zurück­ge­fah­ren werden.

Der Arbeits­markt weist ins­be­son­de­re in Berei­chen Eng­päs­se auf, die Aus­bil­dung, Sprach­kom­pe­tenz und Qua­li­fi­ka­ti­on vor­aus­set­zen. Gleich­zei­tig wer­den genau die­se Qua­li­fi­zie­rungs­we­ge mas­siv ein­ge­schränkt, wodurch der Zugang zu nach­hal­ti­ger und men­schen­wür­di­ger Beschäf­ti­gung wei­ter erschwert wird. Geför­dert wird statt­des­sen vor allem der Ein­stieg in pre­kä­re, unqua­li­fi­zier­te Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se mit unsi­che­ren Per­spek­ti­ven. Von sta­bi­len und lang­fris­ti­gen Zukunfts­aus­sich­ten im Arbeits­le­ben kann unter die­sen Bedin­gun­gen kei­ne Rede sein. Viel­mehr ent­steht der Ein­druck, es soll­ten kurz­fris­tig Quo­ten erfüllt und Ein­spar­erfol­ge dar­ge­stellt wer­den – ein Ansatz, der lang­fris­tig weder sozi­al noch öko­no­misch trag­fä­hig ist.

Zudem wer­den gera­de auch im sozia­len Bereich selbst qua­li­fi­zier­te Fach­stel­len abge­baut oder nicht nach­be­setzt. Damit geht wert­vol­les Wis­sen ver­lo­ren, das jedoch für eine gelin­gen­de Qua­li­fi­zie­rung und Sta­bi­li­sie­rung von Men­schen in pre­kä­ren Lebens­la­gen unver­zicht­bar ist. Der Stel­len­ab­bau in die­sem Bereich steht also aus zwei­fa­cher Per­spek­ti­ve in einem ekla­tan­ten Wider­spruch zu dem viel­fach beschwo­re­nen Ziel nach­hal­ti­ger Arbeitsmarktintegration.

Ziel sozi­al­staat­li­cher Poli­tik muss es jedoch sein, lang­fris­ti­ge Per­spek­ti­ven, Moti­va­ti­on und gesell­schaft­li­che Teil­ha­be zu för­dern. Dazu braucht es siche­re, exis­tenz­si­chern­de und fair bezahl­te Arbeit. Jun­ge Men­schen müs­sen in ihrer Resi­li­enz, Selbst­wirk­sam­keit und Auto­no­mie gestärkt wer­den, um ihr Leben eigen­stän­dig gestal­ten zu kön­nen. Es bleibt frag­lich, wie die­se Fähig­kei­ten ent­wi­ckelt wer­den sol­len, wenn Bil­dungs­zu­gän­ge beschnit­ten und finan­zi­el­le Sicher­heit wei­ter aus­ge­höhlt werden.

Beson­ders alar­mie­rend sind die Ein­schnit­te bei Pro­jek­ten im Rah­men von „Demo­kra­tie leben!“ sowie bei Ange­bo­ten nach § 41a SGB VIII. Die­se Pro­jek­te leis­ten einen zen­tra­len Bei­trag zur Auf­klä­rung über Rech­te, zur poli­ti­schen Bil­dung und zur Stär­kung demo­kra­ti­scher Teil­ha­be. Ins­be­son­de­re für jun­ge Men­schen und mar­gi­na­li­sier­te Grup­pen, deren Stim­men ohne­hin zu sel­ten gehört wer­den, sind sol­che Pro­jek­te ein unver­zicht­ba­rer Anker zur akti­ven poli­ti­schen Teil­ha­be. Ange­sichts der aktu­el­len poli­ti­schen Lage und der zuneh­men­den Fra­gi­li­tät der demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung muss die­ser Spar­kurs drin­gend hin­ter­fragt und gestoppt werden.

Letzt­lich steht eine grund­le­gen­de Fra­ge im Raum: Wel­ches Men­schen­bild wol­len wir ver­tre­ten? Wol­len wir mün­di­ge, selbst­be­stimm­te und demo­kra­tisch hand­lungs­fä­hi­ge Men­schen för­dern – oder ein Sys­tem eta­blie­ren, das Anpas­sung, Schwei­gen und das blo­ße Befol­gen von Vor­ga­ben belohnt?

Die sozia­len Errun­gen­schaf­ten und Frei­hei­ten der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te dür­fen nicht leicht­fer­tig aufs Spiel gesetzt wer­den. Sie ste­hen zuneh­mend unter Druck – durch kurz­fris­ti­ge wirt­schaft­li­che Inter­es­sen und den wach­sen­den Ein­fluss rech­ter Akteur: innen. Die­sen Ent­wick­lun­gen ent­schie­den ent­ge­gen­zu­tre­ten, ist nicht nur eine sozi­al­po­li­ti­sche, son­dern eine demo­kra­ti­sche Verpflichtung.

Grün­Bau for­dert daher den sofor­ti­gen Stopp der geplan­ten Kür­zun­gen im sozia­len Bereich sowie eine ver­läss­li­che, lang­fris­ti­ge Finan­zie­rung sozia­ler Infrastruktur.
Ins­be­son­de­re Bildungs‑, Qua­li­fi­zie­rungs- und Unter­stüt­zungs­an­ge­bo­te müs­sen als gesell­schaft­li­che Inves­ti­ti­on aner­kannt und aus­ge­baut wer­den. Nach­hal­ti­ge Arbeits­markt­in­te­gra­ti­on kann nur gelin­gen, wenn Men­schen Zeit, För­de­rung und sta­bi­le Rah­men­be­din­gun­gen erhal­ten. Kurz­fris­ti­ge Ein­spar­lo­gi­ken dür­fen nicht über dem Schutz von Teil­ha­be, guter Arbeit und gesell­schaft­li­chem Zusam­men­halt gestellt werden.

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