IMG_8434

Vorfall beim Karneval 2026: Roma‑Community fordert Konsequenzen und Dialog - Statement von Hassan Adzaj

Am 16.02.2026 kam es im Rah­men des Dort­mun­der Kar­ne­vals zu anti­zi­ga­nis­ti­schen Vor­fäl­len. Aus­lö­ser war ein von der Thea­ter- und Kar­ne­vals­ge­sell­schaft „Deut­sche Büh­ne 1878“ gestal­te­ter Motiv­wa­gen, der mit der Auf­schrift „Frü­her Zigeu­ner-Schnit­zel mit Stolz – heu­te vega­ner Papri­ka­klops aus Boh­nen­rotz“ durch die Stra­ßen zog.

Hassan Adzaj, selbst Rom und Vor­stands­vor­sit­zen­der von Roma­no Tan, woll­te eigent­lich gemein­sam mit sei­ner Kol­le­gin und 2. Vor­sit­zen­den Ele­na sowie rund 20 Kin­dern im Alter von 10–12 Jah­ren aus­ge­las­sen Kar­ne­val fei­ern. Die Stim­mung war zunächst fröh­lich, die Kin­der hat­ten sich ver­klei­det und freu­ten sich auf einen schö­nen Tag. Die­ses Gefühl kipp­te jedoch, als eini­ge Kin­der, die etwas wei­ter vor­ne im Zug mit­lie­fen, auf­ge­bracht zu den Erwach­se­nen kamen und von der Auf­schrift des Wagens berich­te­ten. Sie erzähl­ten, dass sie von ande­ren Kin­dern belei­digt und ange­spuckt wor­den sei­en und Kom­men­ta­re wie „Guckt mal, da steht ihr ganz groß. Eure Soße stinkt, genau­so wie ihr selbst. Ihr dre­cki­gen Zigeu­ner“ oder „Ihr scheiß Zigeu­ner habt hier nichts zu suchen“ über sich erge­hen las­sen mussten.

Adzaj schil­dert, wie ver­stört und tief­trau­rig die Kin­der waren und, dass sie den Ort ver­las­sen woll­ten. Er selbst woll­te sich einen Über­blick ver­schaf­fen und betrach­te­te den Wagen. „So ein Gefühl kann man nur beschrei­ben, wenn man selbst vor Ort war. Ich als Rom weiß, wie sehr ich gelit­ten habe, wie sehr mei­ne Vor­fah­ren gelit­ten haben, und nun sind es die Kin­der, die wei­ter lei­den müs­sen. Manch­mal fra­ge ich mich, ob es wie­der wie 1940 wird. Wann hört das end­lich auf? War­um wer­den wir immer noch nicht gese­hen und gehört?“, so Adzaj.

Er selbst kennt Aus­gren­zungs­er­fah­run­gen, Mob­bing und Gewalt seit sei­ner Kind­heit. Sei­ne Eltern mahn­ten ihn, sei­ne Her­kunft in der Schu­le nicht preis­zu­ge­ben. Trotz­dem stand er immer dazu, Rom zu sein. Die Kon­se­quenz waren mas­si­ve Ras­sis­mus- und Gewalt­er­fah­run­gen, die dazu führ­ten, dass er zeit­wei­se den Unter­richt ver­säum­te und sich aus Angst vor Anfein­dun­gen im nahe­ge­le­ge­nen Park ver­steck­te. Die­se Erfah­run­gen und Brü­che in der Bil­dungs­bio­gra­fie möch­te er den jun­gen Men­schen ersparen.

Durch sein Enga­ge­ment im Ver­ein Roma­no Tan ver­sucht er, der Com­mu­ni­ty eine Stim­me zu geben und siche­re Räu­me zu schaf­fen. „Es wird so viel gemacht und ver­sucht, aber lei­der sto­ßen wir immer noch auf tau­be Ohren. Wir wol­len gehört und gese­hen wer­den. Wir wol­len als Men­schen und als Teil die­ser Gesell­schaft betrach­tet wer­den“, so Adzaj. Ihm ist wich­tig zu beto­nen, dass er stolz auf die Stadt Dort­mund sei, die nach sei­ner Ein­schät­zung bereits eini­ges für die Com­mu­ni­ty tue, indem sie bei­spiels­wei­se das Sin­ti- und Romn*ja-Fest „Dje­lem Dje­lem“ för­de­re. Den­noch blei­ben dis­kri­mi­nie­ren­de Struk­tu­ren und ver­in­ner­lich­te Vor­ur­tei­le tief in der Gesell­schaft verankert.

Eine Fra­ge beschäf­tigt ihn beson­ders: Wie sol­len sich Kin­der inte­grie­ren, wenn sie stän­dig belei­digt wer­den, wenn sie sich in der Schu­le nicht kon­zen­trie­ren kön­nen und aus öffent­li­chen Räu­men ver­drängt wer­den? Die­se schmerz­haf­te Erfah­rung muss­ten sie nun erneut beim Kar­ne­val machen. Die Grup­pe zog sich nach dem Vor­fall in pri­va­te Räu­me zurück und fei­er­te dort allein wei­ter – eine Erfah­rung, die vie­le Men­schen der Com­mu­ni­ty tag­täg­lich machen. Adzaj beschreibt, dass sich vie­le nicht aus ihren Quar­tie­ren trau­en, weil sie in ande­ren Stadt­tei­len ange­fein­det und aus­ge­grenzt wer­den. Es sind die vie­len Bli­cke, Kom­men­ta­re und letzt­lich auch Gewalt­er­fah­run­gen, die sie dar­an hin­dern, selbst all­täg­li­che Akti­vi­tä­ten wie einen Besuch in der Eis­die­le wahrzunehmen.

Der Schmerz über das Erleb­te sitzt tief – nicht nur bei den Kin­dern, son­dern auch bei Hassan Adzaj selbst. Umso grö­ßer ist sein Wunsch, in einen respekt­vol­len Dia­log mit der Kar­ne­vals­ge­sell­schaft zu tre­ten. Für ihn ist klar: Die Ereig­nis­se dür­fen nicht fol­gen­los blei­ben. Er fragt sich, wie die­ser Schmerz, den die Kin­der und die Com­mu­ni­ty erneut erfah­ren muss­ten, über­haupt ange­mes­sen auf­ge­fan­gen oder ent­schä­digt wer­den kann. Beson­ders wich­tig ist ihm, dass es ein sicht­ba­res und spür­ba­res Zei­chen gibt – vor allem für die jun­gen Men­schen, die an die­sem Tag so viel Mut und Selbst­wert ver­lo­ren haben.

Adzaj wünscht sich daher kon­kre­te Schrit­te, die deut­lich machen, dass die Ver­ant­wor­tung für das Gesche­he­ne gese­hen wird. Er hofft auf eine kla­re Posi­tio­nie­rung der Stadt Dort­mund – eine öffent­li­che Hal­tung, die unmiss­ver­ständ­lich zeigt, dass anti­zi­ga­nis­ti­sche Dis­kri­mi­nie­rung kei­nen Platz in Dort­mund hat und dass Betrof­fe­ne nicht allein gelas­sen wer­den. „Wir brau­chen Zei­chen, die den Kin­dern zei­gen: Ihr seid wert­voll. Ihr gehört dazu. Ihr wer­det geschützt“, so Adzaj.

Gleich­zei­tig rich­tet er sei­nen Blick nach vorn: Er möch­te gemein­sam Lösun­gen suchen, Gesprä­che füh­ren, neue Wege der Ver­stän­di­gung öff­nen. Denn nur durch ehr­li­ches Zuhö­ren, ech­tes Ler­nen und den Mut, Feh­ler ein­zu­ge­ste­hen, kann der Schmerz der Ver­gan­gen­heit in eine Chan­ce für Ver­än­de­rung ver­wan­delt werden.

Beitrag teilen

Im Unternehmensverbund mit:

Mitglied im: