Am 16.02.2026 kam es im Rahmen des Dortmunder Karnevals zu antiziganistischen Vorfällen. Auslöser war ein von der Theater- und Karnevalsgesellschaft „Deutsche Bühne 1878“ gestalteter Motivwagen, der mit der Aufschrift „Früher Zigeuner-Schnitzel mit Stolz – heute veganer Paprikaklops aus Bohnenrotz“ durch die Straßen zog.
Hassan Adzaj, selbst Rom und Vorstandsvorsitzender von Romano Tan, wollte eigentlich gemeinsam mit seiner Kollegin und 2. Vorsitzenden Elena sowie rund 20 Kindern im Alter von 10–12 Jahren ausgelassen Karneval feiern. Die Stimmung war zunächst fröhlich, die Kinder hatten sich verkleidet und freuten sich auf einen schönen Tag. Dieses Gefühl kippte jedoch, als einige Kinder, die etwas weiter vorne im Zug mitliefen, aufgebracht zu den Erwachsenen kamen und von der Aufschrift des Wagens berichteten. Sie erzählten, dass sie von anderen Kindern beleidigt und angespuckt worden seien und Kommentare wie „Guckt mal, da steht ihr ganz groß. Eure Soße stinkt, genauso wie ihr selbst. Ihr dreckigen Zigeuner“ oder „Ihr scheiß Zigeuner habt hier nichts zu suchen“ über sich ergehen lassen mussten.
Adzaj schildert, wie verstört und tieftraurig die Kinder waren und, dass sie den Ort verlassen wollten. Er selbst wollte sich einen Überblick verschaffen und betrachtete den Wagen. „So ein Gefühl kann man nur beschreiben, wenn man selbst vor Ort war. Ich als Rom weiß, wie sehr ich gelitten habe, wie sehr meine Vorfahren gelitten haben, und nun sind es die Kinder, die weiter leiden müssen. Manchmal frage ich mich, ob es wieder wie 1940 wird. Wann hört das endlich auf? Warum werden wir immer noch nicht gesehen und gehört?“, so Adzaj.
Er selbst kennt Ausgrenzungserfahrungen, Mobbing und Gewalt seit seiner Kindheit. Seine Eltern mahnten ihn, seine Herkunft in der Schule nicht preiszugeben. Trotzdem stand er immer dazu, Rom zu sein. Die Konsequenz waren massive Rassismus- und Gewalterfahrungen, die dazu führten, dass er zeitweise den Unterricht versäumte und sich aus Angst vor Anfeindungen im nahegelegenen Park versteckte. Diese Erfahrungen und Brüche in der Bildungsbiografie möchte er den jungen Menschen ersparen.
Durch sein Engagement im Verein Romano Tan versucht er, der Community eine Stimme zu geben und sichere Räume zu schaffen. „Es wird so viel gemacht und versucht, aber leider stoßen wir immer noch auf taube Ohren. Wir wollen gehört und gesehen werden. Wir wollen als Menschen und als Teil dieser Gesellschaft betrachtet werden“, so Adzaj. Ihm ist wichtig zu betonen, dass er stolz auf die Stadt Dortmund sei, die nach seiner Einschätzung bereits einiges für die Community tue, indem sie beispielsweise das Sinti- und Romn*ja-Fest „Djelem Djelem“ fördere. Dennoch bleiben diskriminierende Strukturen und verinnerlichte Vorurteile tief in der Gesellschaft verankert.
Eine Frage beschäftigt ihn besonders: Wie sollen sich Kinder integrieren, wenn sie ständig beleidigt werden, wenn sie sich in der Schule nicht konzentrieren können und aus öffentlichen Räumen verdrängt werden? Diese schmerzhafte Erfahrung mussten sie nun erneut beim Karneval machen. Die Gruppe zog sich nach dem Vorfall in private Räume zurück und feierte dort allein weiter – eine Erfahrung, die viele Menschen der Community tagtäglich machen. Adzaj beschreibt, dass sich viele nicht aus ihren Quartieren trauen, weil sie in anderen Stadtteilen angefeindet und ausgegrenzt werden. Es sind die vielen Blicke, Kommentare und letztlich auch Gewalterfahrungen, die sie daran hindern, selbst alltägliche Aktivitäten wie einen Besuch in der Eisdiele wahrzunehmen.
Der Schmerz über das Erlebte sitzt tief – nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei Hassan Adzaj selbst. Umso größer ist sein Wunsch, in einen respektvollen Dialog mit der Karnevalsgesellschaft zu treten. Für ihn ist klar: Die Ereignisse dürfen nicht folgenlos bleiben. Er fragt sich, wie dieser Schmerz, den die Kinder und die Community erneut erfahren mussten, überhaupt angemessen aufgefangen oder entschädigt werden kann. Besonders wichtig ist ihm, dass es ein sichtbares und spürbares Zeichen gibt – vor allem für die jungen Menschen, die an diesem Tag so viel Mut und Selbstwert verloren haben.
Adzaj wünscht sich daher konkrete Schritte, die deutlich machen, dass die Verantwortung für das Geschehene gesehen wird. Er hofft auf eine klare Positionierung der Stadt Dortmund – eine öffentliche Haltung, die unmissverständlich zeigt, dass antiziganistische Diskriminierung keinen Platz in Dortmund hat und dass Betroffene nicht allein gelassen werden. „Wir brauchen Zeichen, die den Kindern zeigen: Ihr seid wertvoll. Ihr gehört dazu. Ihr werdet geschützt“, so Adzaj.
Gleichzeitig richtet er seinen Blick nach vorn: Er möchte gemeinsam Lösungen suchen, Gespräche führen, neue Wege der Verständigung öffnen. Denn nur durch ehrliches Zuhören, echtes Lernen und den Mut, Fehler einzugestehen, kann der Schmerz der Vergangenheit in eine Chance für Veränderung verwandelt werden.